Sich die Welt öffnen oder sich der Welt öffnen – beides beginnt mit dem Hören. Unsere Wahrnehmung ‚der Welt dort draußen‘ beginnt mit dem Hören, lange bevor wir geboren werden. Grundvoraussetzung jeglicher Kommunikation und sozialen Interaktion ist der Akt des Zuhörens. Beides will gelernt sein. Das ist heute nicht anders als zu Beethovens Zeiten – aber die Welt ist heute ein viel größerer und differenzierterer Hörraum.

Wie klingen die Städte auf entfernten Kontinenten? Wie hört man in anderen Kulturkreisen? Können wir mit unserer europäisch geschulten Wahrnehmung etwas davon lernen und eine zunehmend globalisierte Hörwelt im Lokalen dadurch besser verstehen? Wie klingt dann Bonn heute?

In der Stereofonie wird eine möglichst natürliche Wiedergabe der Realität durch die räumliche Verschiebung von zwei Klangquellen erzeugt. sonotopia – the sonic explorers interpretiert diese Verschiebung der Perspektive metaphorisch mit einem multilateralen Residenzprojekt.

 

Projektbeschreibung

Die Beethovenstiftung für Kunst und Kultur der Bundesstadt Bonn leistet mit „bonn hoeren“ seit 2010 Pionierarbeit in der Produktion, Präsentation und Vermittlung von Klangkunst. Zudem veranstaltet sie seit 2015 mit „bonn hoeren – sonotopia“ einen europäischen Wettbewerb für installative Klangkunst. Dieser Preis zur Förderung junger Klangkünstler ist europaweit einzigartig. Der Einladungswettbewerb wird jährlich veranstaltet und ist mit 10.000 Euro zur Realisierung einer neuen Klanginstallation dotiert, die in Bonn realisiert und präsentiert wird. So hat Bonn in den vergangenen Jahren eine Reihe exzellenter Klangkunstarbeiten erleben dürfen, die von erfolgversprechenden jungen europäischen Künstlern geschaffen wurden, die nun bereits im aktiven Künstlerleben stehen.

Das internationale Residenz- und Austauschprojekt „sonotopia – the sonic explorers“ macht ehemalige Bonner Preisträger im Jahr 2019 zu Forschungsreisenden und Klangkunstbotschaftern und schickt sie auf eine künstlerische Expedition in die Welt. Für jeweils einen Monat werden je zwei sonotopia-Preisträger zu Projekt- und Forschungsresidenzen nach Valparaiso/Chile, Dakar/Senegal und Teheran/Iran reisen, um dort gemeinsam mit zwei jungen Künstlern des jeweiligen Landes zu arbeiten. Dabei werden sie von lokalen Partnerorganisationen betreut.

Zum Beethovenjubiläum 2020 schließlich kommen alle 12 beteiligten Klangkünstler für eine gemeinsame Residenz in Bonn zusammen, um ihre Erfahrungen auszutauschen, ihre Arbeit in einem neuen Kontext zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Für zwei Wochen werden sie den Stadtteil Bonn Nord mit Interventionen, Aktionen und diskursiven Formaten bespielen und im Anschluss den Prozess und die Ergebnisse des Gesamtprojekts in einer einmonatigen Ausstellung im Künstlerforum Bonn präsentieren.

 

Realitätserfahrungen aus der Perspektive des Hörens in urbanen Räumen

Eine Vielzahl von Studien hat sich mit der radikalen Transformation von Städten durch die Globalisierung beschäftigt (Saskia Sassen, Richard Sennett, David Harvey u.v.a.), doch akustische Gesichtspunkte werden in Kunst, Design, Architektur und Stadtplanung nach wie vor vernachlässigt. Bereits 2010 formulierten die Klangkünstler und -denker Bruce Odland und Sam Auinger: „Seit der Renaissance besitzen wir eine allgemein akzeptierte optische Perspektive mit einer Sprache, die Bilder akkurat beschreiben kann, doch in der akustischen Welt fehlt uns eine solche Perspektive immer noch, in der wir nicht einmal Worte haben, um die komplexen Schallwellen in einer städtischen Umgebung zu beschreiben, geschweige denn, was diese Klänge mit uns machen und welche Gefühle sie auslösen.“

Dass die Akustik jedoch ein eminent wichtiges Werkzeug für die Entwicklung neuartiger urbaner Praktiken darstellt, demonstrieren nicht zuletzt die Probleme des Lärmschutzes in Städten, die Gestaltung von Klangumgebungen im öffentlichen Raum oder die Rolle, die die akustische Überwachungstechnik spielt. Denn unser Begriff des öffentlichen Raums wird durch globale Kapitalflüsse, durch die Omnipräsenz von Sicherheits- und Überwachungssystemen sowie die Privatisierung der Stadtentwicklung zunehmend in Frage gestellt. Um die Auseinandersetzung mit Klang nicht nur auf den Lärmschutz zu reduzieren, ist es unbedingt erforderlich zu beleuchten, welches die akustischen Folgen dieser sozialen, politischen und ästhetischen Transformation sind und wie sich diese auf unser Leben und Arbeiten im urbanen Milieu auswirken.

 

Künstlerische Recherche- und Projektarbeit

Anders als zur Zeit Beethovens ist das Hören heute maßgeblich durch überkomplexe Wahrnehmungssituationen in den großen Städten, durch zunehmende Verdichtung und Dekontextualisierung bestimmt. Es verändern sich nicht nur die lokalen sozialen Strukturen des Zusammenlebens, sondern auch die Qualitäten individueller Wahrnehmung und der zugrundeliegenden Rezeptionsmuster. Im Fokus des Projektes steht daher die künstlerische Untersuchung lokal unterschiedlicher urbaner Phänomene aus klanglicher Perspektive, deren Interpretation und Transformation mit verschiedensten künstlerischen Mitteln. Die Einnahme eines anderen kulturellen Blickwinkels ist zugleich Grundlage wie katalysierendes Element. Das Projekt zielt dabei in beide Richtungen: die jungen „sonic explorers“ aus „zentralen Randlagen“ westlicher Wahrnehmung (Teheran, Valparaiso, Dakar) werden von Anfang an in die künstlerische Projektarbeit eingebunden, zuerst in der Arbeit in ihren vertrauten lokalen Umgebungen zusammen mit den europäischen Künstlern, welche wiederum im zweiten Projektteil 2020 in Bonn einen „Heimvorteil“ haben. An allen Orten werden die Beteiligten recherchieren und mit künstlerischen Interventionen direkt auf lokale Situationen reagieren bzw. in sie eingreifen. Ergebnisse sind Klanginstallationen, Klangskulpturen und Klangperformances im öffentlichen Raum, dazu Reflexionen (in Talks und Workshops vor Ort wie auch im Online Blog) und Dokumentationen, die für 2020 in einer Ausstellung in Bonn zusammengefasst und anschaulich gemacht werden. Die Erfahrungen der gemeinsamen künstlerischen Recherche- und Projektarbeit fließen mittel- und unmittelbar in das Projekt in Bonn ein. Ort der Auseinandersetzung ist Bonn Nord, ein Stadtteil, der offiziell als soziales Problemgebiet eingestuft wird und prototypische Perspektiven globaler Tendenzen der Stadtentwicklung in sich vereint. Das Viertel wird durch zwei Gruppen mit jeweils 6 Klangkünstlern untersucht und mit klanglichen Interventionen aktiviert; Gruppen, in denen die „sonic explorers“ wiederum zusammenarbeiten werden – nur dieses Mal unter der Leitung zweier ehemaliger renommierter Bonner Stadtklangkünstler und gemeinsam mit den nach Bonn eingeladenen internationalen künstlerischen Mentoren. Zentraler Ausstellungsraum ist das Künstlerforum Bonn sowie einige kurzzeitige „Satelliten“ in der Umgebung (fabrik45, Kunstraum Kreuzung Sankt Helena, öffentlicher Stadtraum, u.a.).

Reisen sind heute für die meisten Europäer eine Selbstverständlichkeit, Auslandsaufenthalte sind Teil unserer Lernerfahrung geworden – selten wird dies aus westlicher Perspektive noch als Privileg wahrgenommen. Dennoch entziehen sich viele Regionen der Welt der allgemeinen Aufmerksamkeit. „sonotopia – the sonic explorers“ will junge Künstler ermutigen, ungewöhnliche Orte zu erkunden. Gerade für junge Künstler ist es wichtig, Nuancen und Zwischentöne direkt und ungefiltert wahrzunehmen. Besonders die Randbereiche der üblichen Bewegungsradien – ob geografisch oder kulturell – sind dabei interessant. Das Projekt will Freiräume schaffen, um Erfahrungen zu sammeln, die in einem durch pragmatische Überlegungen strukturierten Künstleralltag nicht denkbar und realisierbar wären.

„sonotopia – the sonic explorers“ investiert in den künstlerischen Nachwuchs – für alle beteiligten Künstler ist es zugleich Expedition und Experiment. Die „sonic explorers“ machen sich auf die Suche nach den unkartografierten Gebieten der Klangkunst. Sie brechen auf zu Unternehmungen in Territorien die vielleicht nicht ihren Erwartungen entsprechen werden. Unvorhergesehene Situationen, Herausforderungen und Momente provozieren Reaktionen, schaffen neue Realitäten. Sie sammeln Eindrücke, Klänge, Begegnungen und kommen zurück mit noch mehr Fragen…

 

Projektphase I: Exploring Valparaiso, Teheran und Dakar (2019/20)

Für jeweils einen Monat werden über das Jahr 2019 und 2020 jeweils zwei ehemalige sonotopia-Preisträger eine Projekt- und Forschungsresidenz in einer der Partnerstädte (Valparaiso/Chile, Dakar/Senegal, Teheran/Iran) antreten. Aus dem Umfeld der Partnerorganisationen werden zwei lokale junge Künstler vorgeschlagen, welche gemeinsam mit den europäischen Künstlern arbeiten werden. Ein erfahrener lokaler Künstler wird der Gruppe als Mentor zur Seite gestellt und betreut sie inhaltlich und künstlerisch. In Dakar wird zusätzlich zu einem lokalen der Bonner Stadtklangkünstler 2014 Stefan Rummel als Mentor die jungen Künstler vor Ort mit betreuen. Dies garantiert Fokus und adäquate fachliche Betreuung. Die jeweilige Partnerorganisation begleitet den Prozess vor Ort und katalysiert Integration und Vernetzung. Der individuelle Projektprozess wird von allen beteiligten Künstlern in einem Logbuch aufbereitet und dokumentiert (online blog o.ä. Kanal). Dies ist sowohl öffentlich auf einer Projektwebseite zugänglich, dient aber auch dem Austausch der Residenzorte untereinander (interne Plattform) und kann sowohl lokal als auch virtuell weitergedacht werden (Radio- und Streamingformate, Medienarchiv, etc.).

Während der Dauer der Projektresidenzen in 2019/2020 wird ein Dialog in diversen Formaten (Präsentation, öffentliche Interventionen, open studios, jour fixes etc.) als Katalysator für die Zusammenarbeit vor Ort dienen und ein direktes Publikumsfeedback mit in den Prozess einbeziehen.

Die enge Verknüpfung mit den lokalen Aktivitäten der jeweiligen Partner lässt zudem ein breites und interessiertes Publikum erwarten und wird zur weiteren Verbreitung lokaler Erfahrungen durch die geplanten öffentlich zugänglichen Foren, Ausstellungen und Publikationen beitragen.

Die Auswahl der Orte ist in bewussten Kontrast zur zentraleuropäischen und westlichen Perspektive gesetzt. Ganz unterschiedliche urbane Situationen und kulturellen Gegebenheiten sowie sehr spezielle lokale Problematiken generieren eine Reihe wichtiger Themenfelder. Global wie auch lokal relevante soziale und ökologische Fragestellungen wie Stadt- und Bevölkerungswachstum und Verdichtung, Klimaveränderung, Segregation/Gentrifizierung und Globalisierung eröffnen interessante Perspektiven für mögliche Arbeitsansätze.

Die Residenzen im Jahr 2019/2020 resultieren in ortspezifischen klangkünstlerischen Arbeiten in Teheran, Dakar und Valparaiso, die sowohl installativer, interventionistischer, kollaborativer oder prozesshafter Natur sein können. In enger Zusammenarbeit mit dem Projektpartner wird die Arbeit im lokalen Kontext öffentlich präsentiert, kritisch reflektiert und diskutiert. Die Dokumentation des Prozesses, der Arbeit selbst und der lokalen Auseinandersetzung ist damit wichtiger Bestandteil des Projektes.

„Ludwig van Beethoven gilt als der meistgespielte klassische Komponist – und er war ein radikaler Künstler, der sich immer wieder neu erfunden hat, der die Grenzen der Musik erweiterte und die Gesellschaft in Frage stellte. Weltweit inspiriert er uns bis heute.“ So lautet die offizielle Grußbotschaft der Beethoven Jubiläums Gesellschaft. Das Projekt bonn hoeren der Beethovenstiftung für Kunst und Kultur der Bundesstadt Bonn illustriert seit fast 10 Jahren diese Strahlkraft auf eindrucksvolle Weise und fördert kontinuierlich neue künstlerische Arbeit in ständiger Auseinandersetzung mit Fragen urbaner, sozialer, gesellschaftlicher und ästhetisch Entwicklung.

Welche Rolle spielt Beethoven für junge Künstler aus anderen Kulturkreisen im Zeitalter der Globalisierung und kulturellen Normierung? The sonic explorers will auch dieser Frage nachgehen. Das Projekt will ganz bewusst nicht nur forschend ‚in die Welt gehen’, sondern auch einladen. In Gegenbewegung zur Erkundung des Fremden soll der Prozess gespiegelt und zurück nach Bonn gebracht werden. Zum Beethovenjubiläumsjahr 2020 werden deshalb die jungen Künstler der Partnerstädte zu Projektresidenzen und Workshops nach Bonn eingeladen. Zusammen mit den europäischen Künstlern werden sie für zwei Wochen in der Stadt arbeiten, die begonnenen Diskurse fortführen und Intensivieren. Dabei untersuchen sie in Experimenten, Interventionen und Aktionen gemeinsam mit ihren europäischen Kollegen die Klangwelt Bonns.

Natürlich war die städtische Klangwelt von Bonn während Beethovens Kindheit und Jugend Ende des 18. Jahrhundert eine ganz und gar andere. Nicht nur war die vorindustrielle Stadt akustisch eine andere, auch war das Klangempfinden der Zeit noch deutlicher durch ein christlich-moralistisches Wertesystem der Stille geprägt, in dem das „Laute“ mit dem „Schlechten“ (dem unerträgliche vielstimmigen Chaos von Babel, dem Lärm der Hölle, dem Profanen…) und die Stille mit dem „Guten“ (Kontemplation, Andacht, Gehorsam …) assoziiert war.

Wie hört es sich an und wie hört man im heutigen Bonn? Hören wir anders als zu Beethovens Zeit? Wie hat sich das Klangempfinden historisch verändert? Was ist der Klang einer westeuropäischen Stadt im 21. Jhd.? Welche Rolle spielt die akustische Wahrnehmung im Zeitalter multimedialer Reizüberflutung? Kann Stadt in architektonischer und sozialer Struktur über das Hören anders verstanden und gestaltet werden? Welche Erkenntnisse liefert die Untersuchung historischer Klangrealitäten und deren künstle-rische Interpretation? Können wir aus den Erfahrungen der Hörwelten anderer Kulturkreise lernen?

Den zwei zu bildenden Gruppen werden erfahrene Mentoren und Workshop-Leiter (Sam Auinger und Maia Urstad, die Bonner Stadtklangkünstler 2010 und 2017) zur Seite gestellt, um eine adäquate fachliche Betreuung zu garantieren. Alle vier Residenzprojekte (Teheran, Valparaiso, Dakar, Bonn) werden für eine finale Ausstellung aufbereitet. Sie zeigt die entstandenen Werke, dokumentiert den Arbeitsprozess, die individuellen Arbeitsweisen der jungen Künstler und Partnerorganisationen, die Besonderheiten des jeweiligen lokalen Kontextes und reflektiert die Ergebnisse der entstandenen Kooperationen aus jeweils beiden Perspektiven. Hauptausstellungsort im Juni/Juli 2020 in Bonn ist das Künstlerforum Bonn und der öffentliche Raum von Bonn Nord.

 

carsten seiffarth / carsten stabenow, 2019
i.A.d. Beethovenstiftung für Kunst und Kultur der Bundesstadt Bonn